Wissenzone: blog
In unseren Texten geben wir unsere Erfahrungen aus vielen Branding-Projekten aus ganz unterschiedlichen Branchen weiter. Es lohnt sich, sie zu lesen, denn jeder kann etwas für sich darin finden.
Farbe als eines der wichtigsten Signale jeder Marke
Die Bedeutung von Farbe beim Aufbau visueller Unterscheidungsmerkmale (Signale) einer Marke
Erstens wirkt Farbe auf der Ebene der vorbewussten Wahrnehmung. Forschungen in der Kognitionspsychologie und der Wahrnehmungsneurowissenschaft zeigen, dass das Gehirn Farben schneller verarbeitet als Text oder Form. Das bedeutet, dass der Empfänger die Marke „fühlt“, noch bevor er sie liest. Farbe aktiviert Emotionen und kognitive Abkürzungen (Heuristiken) und ist somit ein äußerst wirksames Instrument der Markenbeeinflussung.
Farbe gilt aus mehreren wichtigen Gründen als zweitwichtigstes Markensignal (nach dem Logo):
1. Sofortige Wiedererkennung
Farbe wirkt schneller als Form oder Text. In vielen Fällen ermöglicht Farbe die Wiedererkennung einer Marke selbst ohne sichtbares Logo (z. B. durch unverwechselbare Farbpaletten im Einzelhandel oder auf Verpackungen).
2. Präsenz und Intensität an vielfältigen Kontaktpunkten
Im Gegensatz zu einem Logo, das eine festgelegte Form und gewisse Einschränkungen aufweist, lässt sich Farbe flexibel skalieren und einsetzen: in Hintergründen, Typografie, Benutzeroberflächen, Verpackungen und physischen Räumen. Dadurch wird sie zu einem allgegenwärtigen Identitätsträger.
3. Stärkung des visuellen Markenbildes
Farbe unterstützt das Logo und erhöht dessen Einprägsamkeit. In der Markentheorie spricht man von sogenannten „charakteristischen Markenwerten“, wobei Farbe eines der wirkungsvollsten Elemente für die mentale Attraktivität einer Marke ist.
4. Verstärkung der Botschaft durch Wiederholung
Theoretisch beruht effektive Kommunikation auf der Wiederholung von Signalen. Farbe dient als paralleler Kommunikationskanal – selbst wenn der Empfänger das Logo nicht wahrnimmt, kann Farbe die Markenidentifikation aufrechterhalten.
Farbwahrnehmung und Farbauswahl
Farbwahrnehmung in verschiedenen Kulturen
Der Einfluss von Kultur auf die Farbwahrnehmung ist unbestreitbar, da sie nie völlig universell ist. Interkulturelle Studien zeigen zweierlei: Zum einen existieren bestimmte gemeinsame Muster von Präferenzen und Assoziationen, zum anderen variieren deren Stärke, Interpretation und Einfluss auf Entscheidungen je nach Land, Sprache und sozialem Kontext erheblich.
Dies lässt sich anhand einiger einfacher Beispiele verdeutlichen. In westlichen Kulturen wird Weiß häufig mit Reinheit, Schlichtheit und Zeremoniell assoziiert, weshalb es sich gut für Bereiche wie Schönheit und Wellness eignet. In manchen asiatischen Kulturen kann dieselbe Farbe stärker mit Trauer und Ritualen verbunden sein, sodass ihre dominante Verwendung völlig andere Bedeutungen hervorrufen kann als in Europa oder den USA. Im westlichen Einzelhandel signalisiert Rot oft Werbung, Dringlichkeit, einen Ausverkauf oder eine Warnung, während es in China häufiger mit Erfolg, Feierlichkeiten und Wohlstand assoziiert wird – wobei aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass auch dort Rot nicht in jeder Einkaufssituation automatisch als Farbe gilt.
Globale Markenidentitätssysteme sollten daher nicht auf simplen Stereotypen basieren, sondern lokale Wahrnehmungen berücksichtigen, insbesondere wenn Farbe ein zentrales Markensignal darstellt. In der Praxis bedeutet dies, dass Farben nicht nur auf Kategorie und Strategie, sondern auch auf den kulturellen Kontext ihrer Verwendung abgestimmt sein müssen.
Farben und Branchen
Im Laufe der Jahre haben sich in vielen Branchen visuelle Muster entwickelt, die die Erwartungen des Publikums prägen und die Marktorientierung beschleunigen. Finanz-, Technologie- und Versicherungswesen nutzen häufig Blau, da es Stabilität, Kompetenz und Ordnung vermittelt. Branchen wie Gesundheit, Natur, pflanzliche Produkte und Nachhaltigkeit setzen häufiger auf Grün, um Assoziationen mit Natürlichkeit und Frische hervorzurufen. Rot eignet sich gut, wenn Energie, Dringlichkeit, Impulsivität und hohe Sichtbarkeit im Vordergrund stehen – von Preisaktionen bis hin zu Konsumgütern des täglichen Bedarfs. Schwarz hingegen unterstützt oft das Premiumsegment, Mode, Kosmetik und Luxusgüter, da es ein Gefühl von Eleganz und Souveränität vermittelt. Das Problem entsteht, wenn der Branchencode zu dominant wird: Die Marke wird zwar als Vertreter der Kategorie erkennbar, verliert aber ihre Eigenständigkeit. Strategisch gesehen ist es daher nicht ratsam, sich einfach dem Farbschema der Branche anzupassen, sondern die Kluft zwischen dem, was für die Kategorie typisch ist, und dem, was die Marke einzigartig und wiedererkennbar macht, bewusst zu gestalten.
Sich in eine Kategorie einordnen oder gegen den Strom schwimmen?
Dies ist eine der wichtigsten strategischen Fragen im Bereich Corporate Identity. Eine Marke benötigt zwei Dinge gleichzeitig: Sie muss innerhalb ihrer Kategorie klar erkennbar und gleichzeitig so unverwechselbar sein, dass sie im Gedächtnis bleibt. Eine zu starke Anlehnung an die Branchenstandards birgt das Risiko der Verwässerung. Eine zu radikale Abweichung von der Kategorie kann die Verständlichkeit beeinträchtigen.
Ein Beispiel für die Anlehnung an die Branche ist der Markteintritt der Erste Bank in Polen. Nach der Übernahme einer 49-prozentigen Mehrheitsbeteiligung an der Santander Bank Polska kündigte die Gruppe ein Rebranding zur Erste Bank Polska an. Damit betritt die Marke eine der wettbewerbsintensivsten Branchen des Landes, in der Stabilität, Ordnung und Vertrauen seit Jahren eine zentrale Rolle spielen. Die Anlehnung an die Branche bedeutet nicht, die Konkurrenz zu kopieren, sondern ausreichend Klarheit zu wahren: Die Bank sollte sofort als Finanzinstitut erkennbar sein, nicht als Marke aus einer anderen Branche. Dies ist eine wichtige Lektion für Unternehmen, die in einen neuen Markt eintreten: Beim Aufbau von Legitimität in einer Branche sollten Farbe und Markenidentität nicht immer primär „überraschend“ sein. Oft ist es wichtiger, sich zunächst in die Logik der Branche einzufügen und erst dann die eigenen, unverwechselbareren Markencodes zu stärken.
Quelle: bezprawnik.pl – Artikel ,,Koniec ery Santandera w Polsce. Austriacki Erste przejmuje trzeci największy bank w kraju“
Das Gegenteil dieser Strategie ist ein bewusstes Überschreiten der Kategoriengrenzen, wie beispielsweise bei der Bank Millennium. In einem Markt, der jahrelang von den typischen Bankfarben Blau, Marineblau und Grün dominiert wurde, baute die Marke ihre Markenbekanntheit konsequent auf Magenta auf und brach damit klar mit der traditionellen Bildsprache des Finanzsektors. Wichtig ist, dass dies keine rein ästhetische Geste war. Die offizielle Markenbeschreibung von Millennium BCP präsentiert Magenta als Ausdruck von Intensität, Kühnheit, Qualität, Innovation, Seriosität und Transparenz – ein zentrales Element des Markensystems, nicht bloß ein dekoratives Element. Dies demonstriert eine ausgereifte Version der Strategie „Sich von der Masse abheben oder untergehen“: Die Marke bleibt als Bank erkennbar, schafft sich aber gleichzeitig eine eigene, sofort wiedererkennbare Markenidentität innerhalb einer Kategorie, die lange visuell homogen war.
Quelle: businessinsider.com.pl – Artikel ,,Bank Millennium nie ma dobrych wieści. Jest reakcja inwestorów“
Trend ist nicht dasselbe wie Markencode
Viele Manager machen den Fehler, aktuelle Farbtrends als Alleinstellungsmerkmal ihrer Marke zu nutzen. Farbtrends können zwar in Kampagnen, Sondereditionen, saisonalen Aktionen oder der Kommunikation in sozialen Medien hilfreich sein, sollten aber niemals mit dem Farbcode konkurrieren, der die Marke im Markt charakterisiert.
Eine starke Marke basiert auf einer stabilen, zeitlosen Identität und zwei zentralen Signalen: Name und Farbschema. Änderungen an einem dieser drei Elemente haben einen direkten und signifikanten Einfluss darauf, wie der Markt die Marke wahrnimmt.
Daher sollte die Wahl der primären Markenfarbe nicht von saisonalen Phänomenen wie der Pantone-Farbe des Jahres abhängen. Solche Farbtrends eignen sich zwar hervorragend, um kulturelle und ästhetische Empfindungen zu vermitteln und können Marken zu taktischen Maßnahmen inspirieren, sollten aber nicht die Entscheidung diktieren, einen zentralen Markencode zu ändern.
Eine starke Marke jagt nicht jedes Jahr der neuen Trendfarbe hinterher. Sie schafft sich ihre eigene visuelle Identität, die zu ihrem Erkennungsmerkmal wird.

Quelle: opakowanie.pl – Artikel ,,Pantone ogłasza kolor roku 2026″
Wenn Farbe zu einer Ressource wird
Der spannendste Moment im Leben einer Marke ist erreicht, wenn Farbe nicht länger nur ein Kommunikationsmittel ist, sondern zu einem Wettbewerbsvorteil wird.
Dies zeigt sich besonders deutlich an Marken, die Farbe zu einem zentralen Erkennungsmerkmal gemacht haben. Beiersdorf beschreibt NIVEA seit Jahren als Marke, die auf dem ikonischen Blau-Weiß-Farbschema basiert. Das Unternehmen selbst betont, dass die bahnbrechende Neugestaltung im Jahr 1925 die unverwechselbare blaue Dose mit dem weißen Logo einführte und dieser Code zu einem der Grundpfeiler der Markenbekanntheit wurde. In historischen Dokumenten erklärt Beiersdorf ausdrücklich, dass es das Blau-Weiß-Design war, das NIVEA „unverwechselbar“ machte, also eindeutig erkennbar.


Der Zusammenhang zwischen Farbe und Wettbewerbsvorteil wird im Fall von T-Mobile besonders deutlich. Offizielle T-Mobile-Materialien weisen ausdrücklich darauf hin, dass „Magenta“ und „die Farbe Magenta“ eingetragene Marken der Deutschen Telekom sind. Dies ist ein wichtiges Beispiel, da es den Fokus von der Gestaltung auf den geschäftlichen Wert der Farbe verlagert. Gleichzeitig ist es entscheidend, die Einzigartigkeit einer Farbe für eine Marke präzise zu definieren: Ein Unternehmen besitzt nicht die gesamte Farbe Magenta an sich, kann aber einen spezifischen Farbton in bestimmten Waren- und Dienstleistungsklassen schützen lassen, insbesondere dort, wo die Verwendung durch einen Wettbewerber zu Verwirrung am Markt führen könnte. Genau so funktioniert die Logik des Farbmarkenschutzes in der Praxis des EUIPO, wobei die Art der Verwendung und der Nachweis der erworbenen Unterscheidungskraft zu den Schlüsselfaktoren gehören.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Farbe eines der grundlegenden Markensignale ist, da sie auf Wahrnehmungsebene schneller wirkt als die meisten anderen visuellen Identitätselemente. Sie dient als effektive kognitive Abkürzung: Sie erleichtert die Orientierung innerhalb des Portfolios, verbessert die mentale Zugänglichkeit der Marke, unterstützt ihre Einzigartigkeit und kann – unter bestimmten Bedingungen – als rechtlich geschütztes Gut festgehalten werden. In einem ausgereiften Branding-Ansatz geht es nicht um ästhetische Vorlieben („Welche Farbe gefällt uns?“), sondern um die strategische Funktionalität: „Dient Farbe als dauerhafter Träger der Markenerinnerung?“
Aus dieser Perspektive ist die Entscheidung, das Farbschema einer Marke zu ändern, eine der risikoreichsten Entscheidungen mit den größten Auswirkungen auf das Unternehmen. Typografische Änderungen, Vereinfachungen des Symbols oder Layout-Überarbeitungen sind relativ unbedenklich, solange sie nicht tief verwurzelte Erinnerungsstrukturen beeinträchtigen. Farbe funktioniert anders – sie ist einer der etabliertesten Markencodes und wird oft schneller verarbeitet als ein Name oder ein Logo. Folglich bedeutet eine Änderung der Farbe einen Eingriff in den Kern der Markenwiedererkennung und sollte daher als eine der kritischsten Entscheidungen im Rebranding-Prozess behandelt werden.
HABEN SIE EINE VISION, DIE SIE VERWIRKLICHEN MÖCHTEN?
Kontaktieren Sie uns und wir helfen Ihnen beim Aufbau einer Marke, die den Markt erobern wird.