Wissenzone: blog
In unseren Texten geben wir unsere Erfahrungen aus vielen Branding-Projekten aus ganz unterschiedlichen Branchen weiter. Es lohnt sich, sie zu lesen, denn jeder kann etwas für sich darin finden.
Wie bewerten wir die Kombination aus Strategie und Kreativität? Wann ist Kreativität wirklich „gut“?
Eine gute Kreation ist eine Strategie, die ohne Übersetzung sichtbar ist
Die besten visuellen Identitätssysteme benötigen keine Übersetzung. Sie zeigen auf einen Blick, was eine Marke anstrebt, wie sie wahrgenommen werden möchte und wen sie anspricht. Markenattribute und ihre Begründung sind sichtbar: Technologie, Erfahrung, Kompetenz, Tradition, Qualität, Innovation. Auch die Persönlichkeit wird deutlich – ob die Marke als Experte, Beschützer, Marktführer, Partner oder Rebell agiert. Wenn eine Marke ein Premium-Image aufbauen möchte, sollte sich dies in der Hierarchie von Information, Typografie, Bildsprache, Rahmung und Kommunikation widerspiegeln und die entsprechenden Assoziationen hervorrufen.

Kommunikationseffektivität
Verstehen die richtigen Zielgruppen die Botschaft schnell und klar? In der Realität haben Marken nicht den Luxus langer Erklärungen. Konsumenten sehen einen Beitrag, ein Banner, eine Verpackung, Außenwerbung oder ein paar Sekunden Video. In dieser kurzen Zeit sollten sie die Marke und die Kernbotschaft erfassen. Wenn die Botschaft von einem Strategen oder Buchhalter überarbeitet werden muss, bedeutet das in der Regel, dass die Kommunikation nicht funktioniert und die kreative Gestaltung verbessert werden muss.

Eine gute Schöpfung muss umfassend sein
Modernes Branding beschränkt sich nicht auf Logo, Farbpalette und Key Visual. Es muss ein Identifikationssystem sein, das reale Geschäftsbedürfnisse und alle Medien abdeckt. Dies ist heute eines der wichtigsten Qualitätskriterien.
Funktioniert das Konzept in sozialen Medien? Hält es in Vertriebspräsentationen stand? Wirkt es auf Verpackungen? Lässt es sich auf E-Commerce, Apps, Beschilderung, Employer Branding und Partnermaterialien ausweiten? Bleibt die Qualität vom kleinen Icon bis zum großen Format erhalten? Ist es für das interne Team nutzbar und nicht nur ein Blickfang im Agentur-Dashboard?
Diese Fragen sind absolut entscheidend, denn viele Projekte scheitern nicht in der Ideenfindungsphase, sondern in der Umsetzungsphase.

Kreativität muss Wandel mit sich bringen, darf aber nicht mit der Marke brechen
Einer der häufigsten Fehler beim Rebranding ist die falsche Wahl zwischen Innovation und Kontinuität. Gute Kreativität sollte Veränderung bringen. Sie sollte auffallen, erfrischend sein und die Grenzen der Branche sprengen. Gleichzeitig muss sie aber auch die Elemente bewahren, die langfristig die Markenbekanntheit steigern.
Genau deshalb ist das Prinzip der Einzigartigkeit, der Einprägsamkeit, so wichtig. Die Frage lautet nicht nur: „Ist das neu?“, sondern: „Was an dieser Kreation soll zum Markenkern werden?“ Farbe, Layout, Typografie, Illustrationen, Bildsprache, Bewegung, Sound, Charaktere, Verpackungsdetails – etwas muss wiederholbar und konsistent sein. Eine Marke gewinnt nicht mit einem einmaligen Erfolg. Sie gewinnt, wenn sie nach wiederholter Nutzung im Gedächtnis bleibt.
Die weltweit stärksten Marken denken so. Sie entwickeln keine einzelnen Kampagnen, sondern ganze Markencodes. Codes, die auch ohne Logo erkennbar sind. Dies ist eines der wichtigsten Qualitätsmerkmale: Baut die Kreation Markenwerte auf oder fesselt sie nur flüchtige Aufmerksamkeit?
Bodentest: Eine brutale, aber faire Methode
Eines der besten Bewertungsinstrumente ist ein einfacher Workshop-Test, den viele Teams intuitiv kennen, aber selten systematisch anwenden. Breiten Sie einfach alle Markenmaterialien auf dem Boden aus oder heften Sie sie an die Wand: Anzeigen, Banner, Posts, Landingpages, Präsentationen, Verpackungen, POS-Materialien, Außenwerbung, App-Elemente. Entfernen Sie dann die Logos und betrachten Sie das Ganze aus der Distanz.
Erst dann erkennen Sie wirklich, ob die Marke einheitlich kommuniziert. Ist sie stimmig? Hat sie eine unverwechselbare Persönlichkeit? Ist sie allein an ihrer Bildsprache erkennbar? Ist die Botschaftshierarchie konsistent? Oder wirkt jedes Material, als wäre es für ein anderes Unternehmen oder eine andere Abteilung erstellt worden?
Dies ist ein schonungsloser, aber unglaublich aufschlussreicher Test. Wenn eine Marke nach dem Entfernen des Logos anonym wird, bedeutet das, dass sie keine eigenen Codes entwickelt hat. Und wenn sie genauso gut durch das Logo eines Mitbewerbers ersetzt werden könnte, bedeutet das, dass die kreative Gestaltung keinen Markenwert aufbaut, sondern lediglich die bestehende Kategorie reproduziert.
Eine Anzeige, die keiner Marke zugeordnet werden kann, ist eine Warnung
Die Welt der Fernseh- und Videowerbung liefert einen guten Lackmustest. Seit Jahren zeigt die Marktforschung immer wieder dasselbe Problem: Zuschauer erinnern sich an den Spot, aber nicht an die Marke. Sie verbinden die Geschichte, die Emotion, den Witz oder die Figur, können die Werbung aber nicht korrekt dem Sender zuordnen.
In solchen Fällen tritt ein charakteristisches Symptom auf: Das Logo ist ständig irgendwo in einer Ecke des Bildschirms präsent. Dies ist oft ein Zeichen dafür, dass die Umsetzung nicht aus der Markenwelt stammt und keine eigenständigen Assoziationen mit ihr aufbaut. Natürlich kann die ständige Präsenz eines Logos manchmal eine bewusste Entscheidung sein. Sehr oft ist sie jedoch nur ein Notbehelf für ein tieferliegendes Problem: Die Kreation existiert neben der Marke, anstatt für sie zu arbeiten.
Aus Effektivitätssicht ist dies ein ernstzunehmendes Risiko. Wenn Kommunikation keine korrekte Markenassoziation aufbaut, steigt das Risiko, Mediabudgets zu verschwenden. Wir investieren in Reichweite, aber nicht in Markenerinnerung.
Weitere Kriterien, die Unternehmen oft vergessen
Bei Markenbildung und Rebranding gibt es auch Kriterien, die weniger spektakulär sind, aber oft entscheidend für den Erfolg.
Der erste Aspekt ist die Langlebigkeit. Wirkt ein Design nach nur einer Saison, in der Trends im Trend liegen, bereits veraltet? Diese Frage ist heute besonders wichtig, da viele Marken in die Falle ästhetischer Uniformität tappen: ähnliche Farbverläufe, ähnliche Vereinfachungen, ähnliche „Startup“-Neutralität. Was heute modern wirkt, kann morgen schon abgeleitet erscheinen.
Das zweite Kriterium ist die rechtliche und praktische Unterscheidungskraft. Eine Marke muss sich nicht nur ästhetisch abheben, sondern auch gefährliche Ähnlichkeiten mit Wettbewerbern vermeiden. Andernfalls steigt das Risiko von Marktchaos und mitunter auch von rechtlichen Problemen.
Der dritte Faktor sind die Veränderungskosten. Wie viel kostet die Implementierung und der Betrieb eines neuen Systems? Kann das Unternehmen es durchgängig anwenden? Ist eine grundlegende Umstrukturierung aller Kontaktpunkte gleichzeitig erforderlich oder lässt sich die Einführung schrittweise gestalten? Allzu oft muss ein großartiges Konzept der operativen Effektivität weichen. Und ein Branding, das sich nicht umsetzen lässt, bleibt Theorie.
Wie man überprüft, ob die Erstellung gut ist
In der Konzeptphase sollten vor allem drei Aspekte geprüft werden: Verständnis, Erfolgsmessung und das Verhalten des Systems in realen Anwendungen. Es reicht nicht, das Logo auf weißem Hintergrund zu zeigen. Es müssen schnell Prototypen erstellt werden: ein Beitrag, eine Landingpage, eine Verpackung, ein Banner, ein App-Screen und Außenwerbung. Nur so lässt sich feststellen, ob die Idee wirklich funktioniert.
Gute Testfragen sind einfach: Was will diese Marke aussagen? Um welche Art von Marke handelt es sich? Für wen ist sie gedacht? Welche Assoziationen werden damit verbunden? Wirkt sie in ihrer Kategorie und Preisklasse glaubwürdig? Vermittelt sie ein Premium-Gefühl, falls Premiumisierung das Ziel war? Weckt sie Vertrauen, falls die Marke als Experte positioniert werden möchte? Ist dies wirklich die Marke, die sie sein soll?
Nach der Implementierung kommen aussagekräftigere Kennzahlen ins Spiel. Je nach Zielsetzung können dies beispielsweise sein: Bekanntheitsgrad, Markenwertsteigerung, Werbeerinnerung, Marktanteil in der Suche, Konsistenz der Touchpoints, Lead-Qualität, Konversionsrate oder andere betriebswirtschaftliche KPIs. Gutes Design endet nicht mit der Genehmigung durch das Management. Es endet erst mit dem Markteintritt.
Die wichtigste Frage
Letztendlich ist ein gutes Kreativkonzept nicht das, was dem Designteam am besten gefällt oder auf Behance am besten abschneidet. Es ist dasjenige, das eine Strategie aufzeigt, schnell verständlich ist, eigene Markencodes entwickelt und als System funktioniert, nicht nur als einzelnes Bild.
Deshalb ist die beste Frage bei der Bewertung von Kreativkonzepten nicht „Ist es hübsch?“, sondern „Stärkt dieses Design die Marke?“
Wenn Wiedererkennungswert, Konsistenz, Erinnerungswert und die Fähigkeit, ein Geschäftsziel zu erreichen, steigen, dann ist das Kreativkonzept wirklich gut.
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