Wissenzone: blog
In unseren Texten geben wir unsere Erfahrungen aus vielen Branding-Projekten aus ganz unterschiedlichen Branchen weiter. Es lohnt sich, sie zu lesen, denn jeder kann etwas für sich darin finden.
Klang als Markensigna. Eine Marke, Die Man Hören Kann
Branding endet nicht mit dem Sichtbaren
Die meisten visuellen Identitätssysteme sind präzise gestaltet. Ein Markenhandbuch definiert Logogröße, Positionierung, Primär- und Sekundärfarben, Typografie, Fotostil, Ikonografie und manchmal sogar Bildausschnitt. Gleichzeitig kann dieselbe Marke in jedem Spot unterschiedliche Musik, einen anderen Sprechertext, ein anderes Erzähltempo und zufällige Soundeffekte verwenden.
Visuell bleibt die Markenidentität konsistent. Akustisch hingegen beginnt alles jedes Mal von vorn.
Gleichzeitig findet die Interaktion mit Marken zunehmend in Umgebungen statt, in denen Bilder nicht das einzige und manchmal nicht einmal das primäre Informationsmedium sind. Wir hören Podcasts im Auto, bezahlen mit dem Smartphone, nutzen Apps, Hotlines, Selbstbedienungskassen und Sprachsysteme. Klang erreicht den Betrachter auch dann, wenn seine Augen anderweitig beschäftigt sind.
Es versteht sich von selbst, dass Klang immer stärker und schneller ist als Bilder. Sein Vorteil liegt in einem weiteren: Er erfordert keine Fokussierung des Blicks auf einen bestimmten Punkt, kann das Erlebnis über einen längeren Zeitraum begleiten und erreicht Konsumenten auch dann, wenn das Logo unsichtbar bleibt.
Forschungen im Bereich des sensorischen Marketings zeigen, dass sinnliche Reize die Produktwahrnehmung, die Bewertung seiner Eigenschaften und das Konsumverhalten beeinflussen können. Aktuelle Studien zum Klangbranding betonen, dass die Klangidentität nicht als einheitliches Klangbild, sondern als ein Gefüge miteinander verbundener Erlebnisse an verschiedenen Markenkontaktpunkten verstanden werden sollte.
Musik erzeugt eine Stimmung. Ein akustisches Signal prägt sich ein
Sonic Branding, auch bekannt als Audio-Branding, wird oft fälschlicherweise mit Jingle oder Werbemusik gleichgesetzt. Tatsächlich ist es ein viel umfassenderes Konzept.
Es kann ein kurzes Audio-Logo, ein musikalisches Thema, einen Voiceover, App-Sounds, einen Bestätigungston, Musik im Geschäft, ein Podcast-Intro, den Sound einer Produkteinführung, das Geräusch beim Öffnen einer Verpackung oder sogar ein markantes Knirschen oder Klicken umfassen.
Der entscheidende Unterschied liegt in seiner Funktion. Die für eine Anzeige gewählte Musik mag die Emotionen einer bestimmten Anzeige verstärken, aber nach Ende der Kampagne verbindet der Betrachter sie nicht unbedingt mit der Marke. Ein Markensignal hat einen anderen Zweck: Es soll Wiedererkennung auslösen.
Ein Lied mag ansprechender sein. Ein individueller Audio-Code kann jedoch wertvoller sein, da er sich mit der Zeit im Markengedächtnis verankert.
Jingle: Unvergessliche Einfachheit
Die klassischste Form des akustischen Markencodes ist der Jingle: eine kurze, leicht wiederholbare Melodie, oft kombiniert mit einem Text oder dem Markennamen.
Eines der bekanntesten Beispiele ist McDonald’s mit dem fünftönigen „Ba da ba ba ba“, das die Kampagne „I’m Lovin’ It“ begleitet. Seine Wirkung beruht nicht auf musikalischer Komplexität. Im Gegenteil: Er funktioniert, weil er einfach und kurz ist und vom Zuhörer ohne Instrumente oder Vorbereitung nachgespielt werden kann. Die Melodie dient in der offiziellen Kommunikation von McDonald’s noch heute als eigenständiger Markencode.
Dies ist eine wichtige Lektion für Marketingfachleute. Ein effektiver Jingle sollte nicht allein nach ästhetischen Kriterien beurteilt werden. Entscheidend ist, ob der Konsument ihn sich merken, wiederholen und korrekt der Marke zuordnen kann.
Ein gutes Logo ist ein Blickfang. Ein guter Jingle ist selbst dann erkennbar, wenn man mit dem Rücken zum Bildschirm sitzt.
Sonic Logo: Eine Markensignatur in Sekundenschnelle
Ein Jingle hat typischerweise einen eher melodischen Charakter. Sonic Logos sind kürzer und fungieren als Markenzeichen – sie müssen nicht die Geschichte der Marke erzählen, sondern sollen ihre Präsenz deutlich signalisieren.
Ein klassisches Beispiel ist Intels fünftönige Klangsignatur. Offiziell nennt das Unternehmen sie seine Klangsignatur, umgangssprachlich wird sie als „Bong“ bezeichnet. Walter Werzowas Komposition besteht aus fünf Tönen und mehreren überlagerten Klängen. Ihre Bedeutung beruht nicht allein auf der Melodie selbst, sondern auf jahrelanger, kontinuierlicher Präsenz.
Intel zeigt, dass wenige Sekunden Klang einige Funktionen eines visuellen Logos übernehmen können. Darüber hinaus hat diese Signatur dazu beigetragen, die Markenbekanntheit einer Komponente zu steigern, die Verbraucher oft nicht sehen, da sie sich im Inneren eines Computers befindet.
Netflix verwendet einen ähnlichen Mechanismus. Ein kurzer Ton, der vor Beginn eines Films oder einer Fernsehsendung abgespielt wird, ist zu einem Ritual beim Betreten der Plattform geworden.
Netflix nutzt Klang jedoch nicht nur für Werbung. Es wurde in den Mittelpunkt des Produkterlebnisses gerückt. Genau hier entfaltet das Soundbranding seine größte Wirkung: nicht wenn es die Unterhaltung des Konsumenten unterbricht, sondern wenn es Teil eines erwarteten Rituals wird.
Von der Melodie zum System: Mastercard und Visa
Zahlungsmarken gehen noch einen Schritt weiter. In ihrem Fall erhöht Klang nicht nur den Wiedererkennungswert, sondern erfüllt auch einen funktionalen Zweck: Er signalisiert den erfolgreichen Abschluss des Vorgangs.
Mastercard führte 2019 seine globale Klangidentität ein. Grundlage ist keine einzelne, unveränderliche Datei, sondern eine Melodie, die sich an verschiedene Kulturen, Musikgenres, Instrumente und Interaktionspunkte anpassen lässt. Das System umfasst unter anderem Audio-Logos, Werbemusik, Klingeltöne, Wartemusik und Töne für die Zahlungsbestätigung.
Dies ist ein Beispiel dafür, wie man Klang genauso durchdacht wie eine umfassende visuelle Identität gestaltet. Die Marke behält ein unverwechselbares Motiv bei, kann dessen Anordnung aber je nach Markt und Situation verändern.
Visa entwickelt seinerseits ein sensorisches Transaktionsbestätigungssystem, das Klang, Animation und – auf kompatiblen Geräten – Vibration kombiniert. Der gesamte Vorgang dauert weniger als eine Sekunde und wird unmittelbar nach erfolgreichem Abschluss der Transaktion angezeigt.
Bei solchen Mikrointeraktionen geht es beim Branding nicht darum, dass die Marke eine Geschichte erzählt. Die Marke reagiert auf den Nutzer. Ein kurzer Piepton bedeutet: Zahlung erfolgreich, System hat funktioniert, Sie können fortfahren.
Es ist ein Ton der Anerkennung, aber auch des Vertrauens.
Wenn das Produkt selbst zum Markeninstrument wird
Akustisches Branding muss nicht immer Musik sein. Manchmal ist seine wirkungsvollste Form der Klang des Produkts selbst: das Zischen einer sich öffnenden Dose, das Klicken eines Schlosses, das Geräusch eines aktivierten Geräts, das Rascheln der Verpackung oder das Knacken einer Schokoladenhülle.
Magnum ist ein gutes Beispiel. Das unverwechselbare Knacken beim Aufbrechen der Schokoladenschicht unterstützt seit Jahren die Kommunikation von Genuss, Qualität und Premiumisierung des Produkts. 2025 wurde der Klang zu einem zentralen Element der globalen Kampagne „Nothing Cracks Like Magnum“. Laut Markeninhaber war das Knacken der Schokolade von Anfang an Teil der Kommunikation, doch erst die Analyse der Verbraucherreaktionen zeigte, welch starkes Markeninstrument es werden kann.
In diesem Fall dient der Klang gleichzeitig als Beweis für das Produktversprechen. Das Knacken bestätigt die Dicke der Schokoladenschicht, weckt Vorfreude auf den Kontrast der Texturen und leitet das Genussritual ein.
Im Gastronomiebereich können das Knuspern von Panade, das Geräusch beim Einschenken eines Getränks oder das Zischen von Fleisch eine ähnliche Rolle spielen. Allerdings muss ein wichtiger Unterschied gemacht werden: Ein Geräusch, das in einer Produktwerbung verwendet wird, wird nicht automatisch zum Markenzeichen. Um als echtes Markenmerkmal zu gelten, muss es unverwechselbar sein, regelmäßig wiederholt werden und eindeutig einer bestimmten Marke zugeordnet werden, nicht nur einer ganzen Produktkategorie.
Żabka und Media Expert: Zwei unterschiedliche Rollen der Musik
Ein interessantes Beispiel für den Einsatz von Musik zur Stärkung der Positionierung auf dem polnischen Markt ist Żabkas Plattform „Free Your Time“, die 2022 eingeführt wurde. Ziel war es, zu demonstrieren, dass die Produkte und Dienstleistungen der Kette den Alltag vereinfachen und den Konsumenten mehr Zeit für die Dinge ermöglichen, die ihnen wirklich Freude bereiten. Die Kampagne umfasste Fernsehen, Radio, digitale Medien, Print und digitale Kanäle.
Die energiegeladene, tanzbare Musik passte semantisch zum Markenversprechen: Freiheit, Bewegung, Leichtigkeit und zurückgewonnene Zeit. Die Musik war nicht nur neutrale Untermalung der Kampagne, sondern trug maßgeblich dazu bei, die gewünschte Markenbotschaft zu vermitteln.
Doch eine strategische Frage bleibt: Trägt ein bestimmter Song langfristig zur Markenbindung von Żabka bei oder steigert er primär die Attraktivität einer einzelnen Kommunikationsplattform? Das ist nicht dasselbe. Damit Musik zu einem nachhaltigen Markensignal wird, müssen ihre prägnantesten Elemente kampagnenübergreifend eingesetzt werden und an allen relevanten Kontaktpunkten konsistent präsent sein.
Media Expert wählte einen völlig anderen Weg. Jahrelang setzte die Marke auf bekannte Künstler, einfache Werbeslogans und die Melodien bekannter Hits. In ihren Anzeigen traten unter anderem Ewelina Lisowska, Zenek Martyniuk und Cleo auf, und die Werbetexte waren auf populäre Songs wie „Zakręcona“ und „Daddy Cool“ zugeschnitten.
Dieses Branding ist alles andere als subtil. Sein Hauptziel ist es, aus der Masse herauszustechen, schnell Aufmerksamkeit zu erregen und die Werbebotschaft zu verstärken. Werbung kann als intensiv, repetitiv oder sogar irritierend empfunden werden und dennoch effektiv zur Steigerung der Markenbekanntheit beitragen.
Media Expert zeigt auf, dass ein akustisches Signal nicht allgemein beliebt sein muss, um im Gedächtnis zu bleiben. Es ist jedoch wichtig, zwischen Einprägsamkeit und der Qualität seiner Aussagekraft zu unterscheiden. Intensive Kommunikation kann zwar für hohe Wiedererkennung sorgen, aber auch die Wahrnehmung des Markencharakters beeinträchtigen.
Entwirft eine Marke ihren eigenen Code oder leiht sie sich die Aufmerksamkeit anderer?
Bekannte Lieder, nostalgische Hits, Disco, Eurodance und Musik der 90er-Jahre können sehr effektiv sein. Eine wiedererkennbare Melodie zieht die Aufmerksamkeit schneller auf sich als ein unbekanntes Lied, weckt Erinnerungen und erleichtert die Kommunikation.
Das Problem ist: Konsumenten können sich an ein Lied erinnern, aber nicht an die Marke.
Ein bekanntes Lied verleiht einer Werbung sofort Energie und Emotionen, doch die Assoziationen sind bereits durch den Künstler und die Popkultur etabliert. Eine Marke nutzt vorhandenes Kapital, schafft aber nicht immer eigenes.
Daher müssen zwei Strategien unterschieden werden. Die erste besteht darin, Musik als kurzfristigen Aufmerksamkeitsfaktor zu nutzen. Die zweite darin, kontinuierlich ein eigenes Soundsystem aufzubauen. Die erste Strategie kann eine hervorragende Unterstützung für die Promotion sein. Nur die zweite schafft einen Markenwert.
Ein nostalgischer Hit kann Aufmerksamkeit erzeugen. Nur Kontinuität kann die Zugehörigkeit zu dieser Assoziation schaffen.
Der größte Fehler: Sound als bloße Dekoration zu behandeln
In vielen Unternehmen kommt Musik erst am Ende der Kampagnenproduktion zum Einsatz. Der fertige Spot braucht einen „Hintergrund“, also wählt das Team einen Track, der zum Schnitttempo und der gewünschten Stimmung passt.
In der nächsten Kampagne beginnt der Prozess von vorn. Musik, Sprechertext, Rhythmus, Intro und Soundeffekte – alles ändert sich. Eine Marke kann gute Werbung produzieren, aber sie entwickelt keinen eigenen Sound.
Sound Branding sollte mit einer Markenstrategie beginnen, nicht mit dem Durchstöbern von Playlists. Zuerst muss definiert werden, welche Eigenschaften hörbar sein sollen: Energie, Sicherheit, Präzision, Zugänglichkeit, Frische, Technologie, Lokalisierung oder Premium. Erst dann lassen sich die passenden Instrumente, das Tempo, die Tonart, der Rhythmus, die Stimme und die Effekte gestalten.
Eine Analyse aller Orte, an denen die Marke bereits präsent ist, ist ebenfalls notwendig: Werbung, Apps, soziale Medien, Geschäfte, Hotlines, Events, Geräte, Verpackungen und Zahlungsabwicklung. Oftmals sieht sich eine Organisation mit Dutzenden von unzusammenhängenden Klängen konfrontiert, obwohl sie visuell mit fast schon obsessiver Präzision Kohärenz wahrt.
Wie gestaltet man die Klangsignatur einer Marke?
Ein gutes Audiosystem sollte fünf Kriterien erfüllen.
Erstens muss es die Strategie und Persönlichkeit der Marke widerspiegeln. Zweitens sollte es so unverwechselbar sein, dass es nicht wie generische Musik derselben Kategorie klingt. Drittens muss es einfach und einprägsam sein. Viertens sollte es sich an verschiedene Formate anpassen lassen – von Fernsehwerbung bis hin zu kurzen App-Sounds. Fünftens erfordert es Konsistenz.
Tests sollten sich nicht darauf beschränken, zu fragen: „Gefällt Ihnen dieser Klang?“. Viel wichtiger ist es zu prüfen, ob das Publikum ihn wiedererkennt, der richtigen Marke zuordnet, ihn von Wettbewerbern unterscheidet und ihn auch nach mehrmaligem Hören im Gedächtnis behält. Auch seine Beständigkeit muss bewertet werden. Ein Klang, der bei einer Präsentation vor dem Management gut klingt, kann nach Dutzenden von Anwendungen irritierend wirken.
Ein einmaliges Thema ist kein Markenwert. Ein Markenwert ist etwas, das das Unternehmen regelmäßig wiederholt und das Wettbewerber nicht so einfach übernehmen können.
Die besten Marken der Zukunft werden hörbar sein.
Intel demonstriert die Wirkung weniger Töne. Netflix – die Bedeutung eines Rituals, das ein Erlebnis einleitet. McDonald’s – den Wert eines einfachen, einprägsamen Slogans. Mastercard und Visa – die Fähigkeit, Wiedererkennungswert und Nutzen zu vereinen. Magnum – das Potenzial von Klang, der direkt vom Produkt selbst stammt. Żabka – die Rolle der Musik bei der Stärkung des Markenversprechens. Media Expert – die kommerzielle Wirksamkeit von Intensität und Wiederholung.
Nicht alle diese Beispiele repräsentieren das gleiche Niveau des Klangbrandings. Manche Marken haben ihre eigenen, langfristigen Codes entwickelt. Andere nutzen Musik vor allem in Kampagnen. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn ein ansprechender Soundtrack allein reicht noch nicht aus.
Eine Marke braucht nicht einfach einen Song, nur weil die Welt immer audiozentrierter wird. Sie braucht ein durchdachtes System, das es ermöglicht, auch ohne Blick auf das Logo wiedererkannt zu werden.
In einer Welt der Bilderflut verschafft sich nicht nur die Marke, die gut sichtbar ist, einen Vorteil. Zunehmend wird es auch die Marke sein, die mit einer einzigen Sekunde Ton erkannt werden kann.
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